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Überleben im Krieg - wie geht das?

Syrien ist nun schon seit über 11 Jahren im Kriegszustand, mal mehr mal weniger - aber kurz zusammengefasst, ist die Situation in fast allen Landesteilen verheerend. Zwar ist vieler Orts die

Gefahr bezüglich Bombardments oder anderweitigen Attacken rückgängig bzw. völlig zum Erliegen gekommen, aber die internationalen Sanktionen, der Ukraine-Krieg, als auch der wirtschaftliche Kollaps im Libanon, die wackelige Situation an den Grenzen zu Israel, die Inflation in der Türkei, Energiemangel aufgrund der Zerstörung oder Besetzung diverser Förderanlagen (Öl, Wasser etc.) zeigen ihre Wirkung. Für uns unvorstellbare Lebensbedingungen und trotz allem leben in solchen Gebieten Menschen, sie leben ihr Leben mit täglichen Freuden und auch viel Leid! Viele wollen und können dieses Land nicht verlassen und müssen mit dieser Situation klar kommen, aber wie machen die das? Und können wir uns etwas von ihnen abschauen? Die derzeitige Sorge um den "Frieden" in Europa hinterlässt manche nachdenklich. Die Syrer hätten vor elf Jahren auch nicht gedacht, dass der Krieg so lange anhalten wird und hatten auch nicht die Möglichkeiten, wie wir sie haben oder hätten, sich irgendwie vorzubereiten. Schutzbunker, wie wir sie in der Schweiz haben für die Bevölkerung, gab es in diesem Sinne nicht, U Bahn Schächte auch nicht. Es gibt in der Schweiz für diverse Lebensmittel / Medikamente und diversen Gerätschaften sogenannte Pflichtlager für Krisenzeiten. Vieles ist sicherlich gut organisiert vom Zivilschutz bis zur Armee - aber in einer Krise kann vieles passieren, was eine individuelle Hilfe fast unmöglich macht - bei einem Stromausfall zum Beispiel wären der Zivilschutz wie auch die Notrufnummern nur bedingt bis gar nicht erreichbar für Privatpersonen. In letzter Zeit werden wir vermehrt aufgerufen uns einen Notvorrat anzuschaffen - sicher ist sicher! Die Kinder machen Notfallübungen in der Schule (Erdbebengefahr und Co.) usw. - somit kommt automatisch die Überlegung, wie machen es eigentlich die Syrer in ihrer Situation? Was sind unsere Erfahrungen bezüglich der Nothilfe in diesem Land? Was könnten wir davon abzwacken? Und welcher Tip steht nicht auf den gängigen Notvorratslisten (die man bitte beachten sollte - und dies soll kein Aufruf zum hamstern sein): Tip 1: unabhängige Solar-Anlagen Es gibt diverse Modelle von klein bis gross, stationär und mobil! Wichtig ist, dass sie unabhängig sind. Viele Solar-Anlagen auf den Dächern sind ans Stromnetz angeschlossen um überschüssigen Strom dort einzuspeisen (was natürlich auch eine gute Sache ist), aber wenn das Stromnetz bei einem Stromausfall nicht mehr funktioniert, dann haben auch diese Solaranlagen ihre liebe Müh. Wir sind keine Techniker, aber so wurde es uns erklärt. In Syrien haben viele Häuser ihre eigenen Solarpanels und Backup-Wechselrichter und einer entsprechenden Batterie. In Syrien ist mit Beginn des Krieges zeitweise oder oftmals grossflächig und langfristig das öffentliche Stromnetz zum Erliegen gekommen. Unter den Campern und Seglern ist eine Ausstattung mit mobilen Solaranlagen gang und gäbe und man findet viele gute Produkte.

Tip 2: Kerzen, Taschenlampen, (wiederaufladbare) Batterien und ein Kurbelradio Bei einem Stromunterbruch unerlässlich sind die ersten beiden! Auch das Kurbelradio wäre wichtig (kennt man aber in Syrien eher nicht). Wiederaufladbare Batterien sind wirklich toll und es gibt sogar Ladegeräte die mit Solar die Batterien wieder aufladen. So kann man bei längerem Ausfall eben wieder die Taschenlampen-Batterien aufladen oder was auch immer.

Tip 3: Wasser & Trockenshampoo Haltet euch einen Wasservorrat im eigenen Haushalt. Bei einem Stromausfall funktionieren die öffentlichen Wasserpumpen je nachdem von ein paar Stunden bis ein paar Tage, je nach Generator und Situation in der Gemeinde. Duschen, WC und Co. werden dann nicht mehr funktionieren oder nur bedingt! In Syrien haben viele Haushalte einen Wasserkessel bzw. auf den Dächern ihren Wasservorrat gespeichert, auch in anderen Ländern wird dies so gehandhabt! Nicht, dass wir jetzt auf den Dächern das Wasser speichern, jedoch gibt es Falteimer, Wasserkanister und natürlich auch Mineralwasser, was man immer an Vorrat haben sollte bzw. in die Eimer kann man, solange das Wasser noch fliesst zur Not abfüllen. Die ersten beiden Varianten kann man mit Micropur Tabletten haltbar machen. Wer gerne gepflegtes Haar hat, der greift auf Trockenshampoo zurück und Feuchtigkeitstücher helfen auch sich etwas frisch zu machen ohne gerade einen ganzen Wasservorrat zu brauchen.

Tip 4: Garten und Wälder nutzen

Vielen Menschen in Syrien, die zum Beispiel in der Akutphase im Krieg nahe am Verhungern waren, blieben fast nur noch die einheimischen Wildkräuter als Essen übrig. Viele Lebensmittel gab es nur noch extrem überteuert in den belagerten Städten. Die Transportwege für humanitäre Hilfe wurden fast gänzlich blockiert. Autos wurden gegen Reis oder Milchpulver eingetauscht. Somit wer kann legt sich einen Nutzgarten an, dies geht wunderbar auch auf einem Balkon. In unseren Wälder gibt es eine Fülle von Kräutern und Nutzpflanzen, die man gratis nutzen kann - es macht Spass, die ausfindig zu machen - dazu eignen sich entsprechende Bücher oder eben auch Apps.

Tip 5: Bauern, Hühner und anderes Vieh Wer es kann, haltet einen Kontakt zu einem Bauernhof, kauft vermehrt bei ihnen und/oder regional ein. Viele Bauern haben ein gutes Grundwissen, vielmals überliefert, wie man sich am besten selber hilft. Aber auch Mini-Farming ist eine gute Alternative zum Bauern, wieso nicht auf diesen Trend aufsteigen? Wer den Platz hatte und auch das Geld, der hat sich in Syrien schnell mal Hühner zu getan. Eier liefern wichtige Proteine und enthalten alle essentiellen Aminosäuren und Eisen, Vitamine A, B2, B12 und D sowie Folsäure. Wer in Syrien Hühner besass und mit Eiern und dem Fleisch handeln konnte, war besser dran, wie viele anderen. Gerade vor ein paar Wochen wurde allerdings in der Region Idlib eine ganze Hühnerfarm bombardiert - wieso wohl?

Tip 6: Konservierte Lebensmittel Wer wenig bis gar keinen Strom hat, hat keine Tiefkühlprodukte als Notvorrat! Einen Kühlschrank ist in Syrien in vielen Haushalten gar nicht existent. Die Menschen legen sich sofern sie können, einen Vorrat mit eingelegtem Gemüsen oder eingeweckten/eingekochten Gerichten an. Viele Sachen werden in Olivenöl eingelegt - da gibt es verschiedene Arten. Wer nicht Einkochen mag, der sollte vermehrt auf Konservendosen zurückgreifen, die man im Notfall auch ungekocht konsumieren kann. Trockennahrung / Pulver erfordern meist Zusätze wie Wasser ;-) und Hitze...

Tip 7: Medikamente / Sauerstoff / Linsen

Alle Menschen die auf tägliche Medikamente und / oder Sauerstoff angewiesen sind, sollten wenn irgendwie möglich diese Medikamente bevorraten in Abstimmung natürlich mit dem behandelten Arzt. Viele Diabetiker in Syrien hatten plötzlich keinen Zugriff mehr auf das lebenswichtige Insulin, viele Krebskranke nicht mehr auf ihre Therapien, es fehlte und fehlt immer noch an so vielem! Wenn Lieferwege zusammenbrechen, Grenzen geschlossen werden, Kapital fehlt, wichtige Inhaltsstoffe nicht mehr geliefert werden können, dann geht es rasch! Erinnern wir uns nur anfangs der Pandemie, plötzlich fehlten gewisse Dinge auch in den hiesigen Apotheken. Linsenträger sollten sich eine Brille anschaffen (und Linsen auf Vorrat), Hörgeräteträger Extrabatterien usw. Natürlich sollte man immer eine gute Hausapotheke zu Hause haben und einen Verbandskasten.

Tip 8: Masken Ja, Masken können schützen - aber bitte in der Qualität der FFP3 Masken! In unserer letzten Hilfsgüterlieferung, die anfangs 2020 in Syrien ankam, haben wir für unser Team FFP3 Masken mitgeliefert, dies nicht wegen dem Virus (davon wussten wir ja damals noch nichts, die Masken wurden im 2019 bestellt, der Container verliess die Schweiz im Januar) sondern zum Schutz vor Giftgasen und Co. (obwohl Gase nicht Stäube sind - aber vielleicht besser diese Maske als gar nichts)! Die Schutzklasse FFP3 bietet Schutz bei hohen Belastungen in der Luft, beispielsweise vor gesundheitsschädlichen, toxischen Stoffen und Schutz vor festen und flüssigen gesundheitsschädlichen und giftigen Partikeln und Aerosolen sowie Schutz vor luftübertragbaren Infektionserregern. Tip 9: Umgebungskarten / Landkarten / Draht(Esel)

Fahrräder haben wir zwar nur für die Kinder nach Syrien geschickt zum Spielen, aber vielerorts fanden Esel wieder Arbeit als Nutztier und wurden angeschirrt, auch als Transportmittel. Da bei uns Esel eher selten zu finden sind und naja noch seltener als Nutztier genutzt werden, eignet sich der Drahtesel wunderbar als Transportersatz, sollte es mal soweit kommen, dass das Benzin und Co. noch teurer wird. Ein Fahrrad fährt fast überall und eignet sich auch als Lastenträger. Flickzeug und Handpumpe sollten vorhanden sein. Und wenn das GPS oder Google Map oder was auch immer mal ausfällt - greift man gerne auf normale Umgebungskarten/Landkarten zurück.

Tip 10: Wärme & alternative Kochmöglichkeiten

Wer bei einem Stromausfall einen Grill hat, ist klar im Vorteil - aber nur wen er mit Gas (sofern es das noch gibt) anfeuern kann. Somit bitte Gaskartuschen auf Vorrat haben und richtig lagern. Ansonsten kann man gut mit Holz feuern, wir haben ja genug! Und wer ein Solargerät hat mit der entsprechenden Leistung kann eine mobile Herdplatte anschliessen. Es gibt da zig alternative Möglichkeiten - zum Beispiel auch Kochen mit dem Fondue-Caquelon! Im Winter wäre es wichtig Schlafsäcke zu haben und warme Kleider! Lieber einmal mehr alte Decken aufbewahren als sie in die Texaid zu geben. Kirschkernkissen und co. kann man sich warm machen (Nutzung der Resthitze von alternativer Kochmöglichkeit) und dann unter die Decke mitnehmen - sowie es unsere Grosseltern teils auch noch machten... Mit Tagesdecken werden in Syrien allerdings auch kaputte Fenster oder Türen etwas winddicht gemacht, vor allem im Winter und sie sorgen in Gemeinschaftsunterkünften auch für etwas Privatsphäre.

Tip 11: Ruhe & Vertrauen In ungewissen Situationen ist es wichtig so gut es geht Ruhe zu bewahren, nicht hysterisch zu werden und zu wissen, was zu tun ist! Setzt euch mit den Notfallszenarien und den empfohlenen Handlungen / Abläufen vom Katastrophenschutz auseinander, besprecht es auch mit euren Kindern (ohne Angstmacherei), informiert euch! Wer sich in guten Zeiten nicht damit auseinandersetzt, bekommt schnell die Panik, wenn es mal nicht so läuft wie sonst - siehe die Hysterie mit dem Toilettenpapier ;-) aber was wenn ein grosses Erdbeben passiert? Plötzliche eine Überschwemmung? Was macht ihr dann? Man kann nicht alles planen, aber man kann sich gedanklich vorbereiten - auch wenn es meist anders kommt! Es hilft etwas mehr Ruhe zu bewahren. Und das erste was ich direkt aus dem Krieg mitgeteilt bekam, als wir am NOAH gründen waren, ist, dass man in einer Krisensituation nicht allen Mitmenschen mehr trauen kann! In einer schweren Krise ist sich jeder selbst am Nächsten (auch wenn das für uns schwierig zum Verstehen ist) und trotzdem kommen wir nur weiter, wenn wir uns gegenseitig Helfen! (wir werden keine Produkte- Empfehlungen abgeben)




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